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KölnAlumni stories: Armin Maiwald

"Die Wissenschaft kann sich bei der Maus etwas abgucken"


Armin Maiwald kennt wahrscheinlich jeder, der schon einmal den Fernseher angeschaltet hat. Als einer der Köpfe der Sendung mit der Maus ist er für unzählige Sachgeschichten verantwortlich, die jeden Sonntag über den Bildschirm flimmern. In den 1960er Jahren hat er an der Uni Köln Theaterwissenschaften, Germanistik und Philosophie studiert. Im KölnAlumni-Interview erzählt Maiwald von der großen Kunst, komplizierte Dinge einfach und spannend zu erklären.
 

Das Gespräch führte Jan Voelkel per Telefon, und fühlte sich beim Klang von Armin Maiwalds Stimme direkt in die Sonntagvormittage seiner Kindheit gebeamt.

Herr Maiwald, wenn es um die verständliche Darstellung von schwierigen Sachverhalten geht, ist Journalismus für Kinder sicher nicht einfacher als für Erwachsene, oder?

Stimmt, es ist eher schwieriger. Kinder sind sehr genaue Beobachter und wollen alles ganz genau wissen. Und wenn Kinder einen Fehler entdecken, hängen sie auch sofort an der Strippe oder schreiben Briefe und Mails. Ich habe zum Beispiel mal in einer Geschichte beim Erzähltext „dasselbe“ und „das gleiche“ verwechselt. Da können Sie sich vorstellen, dass die Kinder und auch viele Eltern und Lehrer auf der Matte standen. Wir haben dann noch eine Geschichte gedreht, um das zu korrigieren. Mein Produktionspartner und ich haben die gleiche Jeans und dieselbe Jeans angezogen. Jeder mit einem Bein in die Hose. Oder mit dem gleichen und demselben Bleistift geschrieben. So nahm das dann doch noch ein lustiges Ende. Aber es stimmt schon, für Kinder muss man ganz besonders genau recherchieren und erklären. Wir dürfen ja nichts voraussetzen, auch keine Schulbildung.

Die Sachgeschichten sind manchmal auch eine Form von Wissenschaftskommunikation. Können sich Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bei der Maus etwas abschauen?

Da gibt es die verrücktesten Geschichten. Ich habe mal den Film „Warum ist Erdöl so wichtig?“ gemacht. Einige Jahre später fahr ich im Zug von München nach Köln und da kommt ein älterer Herr auf mich zu und fragt: „Sind sie nicht der von der Sendung mit der Maus? Haben Sie nicht die Geschichte mit dem Erdöl gemacht? Ich bin nämlich Professor für Physik und besser kann man das gar nicht darstellen. Ich nutze das in meinen Vorlesungen.“ Das ist dann schon ein großes Lob, wenn jemand, der sich damit wirklich auskennt und das unterrichtet, die Geschichte als Lehrmaterial nimmt. So was war natürlich nicht geplant und da hatte ich damals nicht im Entferntesten dran gedacht, aber ich denke schon, dass Professoren sich bei der Maus abgucken können, wie sie Wissenschaft in spannende Geschichten verpacken können. 

Ist das die große Kunst der Sendung mit der Maus? Dass auch komplexe Themen unterhaltsam und für Jedermann verständlich erzählt werden?

Ja, ganz bestimmt. Wir recherchieren jedes Mal bis der Arzt kommt. Aber die Recherche ist ja noch keine Geschichte. Der weitaus schwierigere Teil kommt erst danach, nämlich sozusagen die Spreu vom Weizen zu trennen. Ich stelle mir dann die Frage: „Was ist wirklich so wichtig, dass ich es im Film transportieren muss?“ Und daraus muss man dann versuchen, eine Geschichte zu bauen, die spannend ist und eine Dramaturgie hat. Sonst interessiert das ja keinen. Da ist zum Beispiel wichtig, von wo aus man die Geschichte erzählt. Also etwa von hinten, vom fertigen Produkt ausgehend oder doch lieber vorne nach dem Motto „Was kann das werden?“. Da müssen wir im Team auch für die Sachgeschichten jedes Mal aufs Neue unsere Gehirnwindungen ausquetschen.

Die Sachgeschichten kommen ohne Fremdwörter und Fachvokabular aus. Fällt es Ihnen bei komplexen Themen manchmal schwer, Wissenschaftssprache für die allgemeine Öffentlichkeit verständlich zu übersetzen?

Das ist bei der Recherche häufig eine der schwierigsten Sachen, dass man die Wissenschaftler aus ihrem Parteichinesisch rausholt. Und dann kommen die Jungs und Mädels oft auch richtig ins Schwimmen. Wenn die Wissenschaft sich beschwert, sie würde zu wenig wahrgenommen oder falsch dargestellt, da kann ich nur sagen: Das ist schade, aber auch ein wenig selbst verschuldet. Denn die Themen sind ja zum Teil hochspannend. Und das wird ja von uns allen als Gesellschaft getragen und finanziert. Aber dadurch, dass Wissenschaftler sich häufig so verschwurbelt ausdrücken, kommt es leider bei der Öffentlichkeit nicht an. Da herrscht oft auch der Irrglaube, dass es unwissenschaftlich wird, wenn sie sich zu verständlich ausdrücken. Das ist wirklich schade.

Ich habe gelesen, dass Sie sich an dem Versuch einer Sachgeschichte zur Frage „Wieso gibt es Krieg?“ bisher die Zähne ausgebissen haben?

Das stimmt, ja. Ich habe jede Menge Bücher gelesen über Friedens- und Kriegsforschung, über Strategien, Kriegsgeschichte und Bla und Gedöns. Aber letztlich, wenn man es ganz runterkocht, ist es bei Kriegen und großen Konflikten nicht viel anders als beim Streit auf dem Spielplatz um die Sandförmchen. Man ersetzt das Sandförmchen durch Erdöl, Gold oder andere Bodenschätze und Territorien. Da habe ich noch nicht die richtige Form für eine Sachgeschichte gefunden. Ich glaube, ich habe mittlerweile vielleicht sieben Drehbücher geschrieben. Die liegen aber alle in der Schublade, weil sie noch nicht ganz richtig waren. Aber vielleicht kommt das ja noch.

Apropos „Vielleicht kommt da was“: Ich habe auch gelesen, dass Sie gern mal bei Frau Merkel vorbeischauen würden, um zu sehen, was eine Bundeskanzlerin so macht.

Das wäre für uns natürlich eine Riesensache. Aber ehrlich gesagt, ich habe noch nicht so richtig nachgefragt. Die Frau hat ja so viel um die Ohren, dass ich nicht glaube, dass das möglich ist. Andererseits, manchmal wundert man sich. Wir haben ja auch eine Geschichte zu „Wie entsteht ein Gesetz?“ anhand eines Fake-Gesetzes zur Abschaffung des Rechenunterrichts in der Schule gemacht. Das haben für unseren Dreh alle damaligen Fachminister, der Bundeskanzler und der Bundespräsident diskutiert und am Ende unterzeichnet. Wir durften in den Bundestag und sogar in die Ausschusssitzungen, die normalerweise streng vertraulich sind. Da kommt sonst keine Sau rein. Wir mussten eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen und hatten vorher die Maßgabe, dass wir den einzelnen Parlamentariern die Texte schreiben und gerecht auf die Parteien verteilen. Das war eine ganz interessante Geschichte. Der Bundestagspräsident, der mit dem Bart aus dem Osten – Wolfgang Thierse – musste alles genehmigen. Dann durften wir drehen, was sonst niemand richtig sieht. Das haben die für die Sendung mit der Maus möglich gemacht. Also, vielleicht können wir doch mal bei Frau Merkel vorbei.

Bevor Sie Kindern und Erwachsenen erklärt haben, wie die Streifen in die Zahnpasta kommen, haben Sie in Köln Theaterwissenschaften studiert. Waren Sie ein fleißiger Student?

Ja, schon. Unsere Truppe war damals ein verrückter Haufen und hat im Studium ziemlich was auf die Beine gestellt. Mit eigenen Theateraufführungen, die auch richtig gute Kritiken bekamen. Geprobt haben wir immer im Hörsaal 7, den gibt es heute gar nicht mehr, glaube ich. Da mussten wir jeden Tag das komplette Bühnenbild auf- und abends wieder abbauen, weil wir uns den Hörsaal mit den Wirtschaftswissenschaftlern geteilt haben. Die wollten morgens nix mehr vom Theater sehen. Da haben wir vor Aufführungen die ganze Woche bis 3 Uhr nachts geprobt und dann noch das Bühnenbild auseinander gekloppt. Danach sind wir dann noch ’ne Pommes essen gegangen, bevor es am nächsten Tag weiterging.

Klingt aber nicht nach gemütlichem Studentenleben.

Nee, das stimmt. Es hat eine Menge Spaß gemacht, aber mein Tag hatte damals 18 oder 19 Stunden. Ich musste ja nebenher auch noch arbeiten und dann die Sachen für die Seminare und Vorlesungen an der Uni erledigen. Gepennt habe ich kaum, aber das ging irgendwie. Da musste man dann gucken, dass man beim alten Professor Badenhausen – das war der Dekan – nicht die Vorlesung verpennt. Der war sehr genau und fand das nicht lustig.

Es gibt Bilder von Ihnen mit langer Matte. War das zu Studentenzeiten?

Oh, die langen Haare. Das war tatsächlich schon nach dem Studium, als ich schon für den WDR gearbeitet habe. Ich habe ja neben dem Studium schon erste Regieassistenzen und Arbeiten für’s Fernsehen übernommen. Mit 25 war ich dann plötzlich der jüngste Regisseur Deutschlands. Bei größeren Sachen musste ich noch assistieren, aber kleine Stücke durfte ich selber machen. Im Endeffekt sind zu der Zeit, so Mitte bis Ende der Sechziger, auch die ersten Sachgeschichten entstanden.

Aber Sie haben keinen Studienabschluss gemacht. Wie kam das denn?

Damals war das etwas anders, da konnte man als richtigen Abschluss eigentlich nur den Doktor machen. Ich hatte das auch überlegt und sogar schon einen Titel für meine Arbeit: „Die Entwicklung des Kunstlichtes auf dem Theater“. Aber ich habe da schon viel gearbeitet, was auch wirklich Spaß gemacht hat. Dann bin ich also doch nicht „Dr. Maiwald“ geworden. Beim Fernsehen wäre ein Doktortitel auch gar nicht so gut angekommen. Da war man immer direkt als so ein verkopfter Theoretiker verschrien. Insofern hat mir das auch später nicht leid getan. Allerdings habe ich viele, viele Jahre später im Skiurlaub meinen alten Professor wiedergetroffen. Der hat gesagt: „Du Blödmann, dir hätten wir den Doktortitel doch hinterhergeschmissen. Du hast so viel für die Uni getan.“ Da habe ich gesagt: „Herr Professor, ich bin so, wie ich jetzt nun einmal bin. Was ich mache, macht mich glücklich.“ Und es hat ja auch so ganz gut funktioniert, denke ich.

Das Interview führte Jan Voelkel.

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Fotos: Flash Flimproduktion GmbH Armin Maiwald | Westdeutscher Rundfunk