Wie Marketing und Corporate Development meine Handballkarriere prägen
Zwischen Sporthalle und Strategieraum
VON HENDRIK SCHULTZE
Wenn ich an mein Masterstudium im Bereich Marketing und Corporate Development an der Universität zu Köln zurückdenke, fällt mir besonders der Kurs „Digital Marketing” (Hernán A. Bruno) ein, in dem wir Geschäftsmodelle wie das von Airbnb analysiert haben. Die zentrale Erkenntnis war nicht nur, wie dieses Unternehmen eine ganze Branche disruptiert hat – sondern, wie es das getan hat: durch Technologie, durch direkte Vernetzung von Menschen, ohne klassische Mittelsmänner. Das hat mein Denken nachhaltig verändert. Denn genau dieses Prinzip – Systeme zu bauen, die Menschen verbinden und unabhängig funktionieren – ist heute Kern meiner Arbeit im Sport.
Systeme statt Superhelden
Im US-Handball hat sich über Jahre hinweg ein Muster wiederholt: Es gibt einige engagierte Einzelpersonen im Verein oder auf Verbandsebene, die mit viel Einsatz Großes bewegen. Doch sobald eine dieser Personen weg ist, bricht das System zusammen. Es gibt keine nachhaltigen Strukturen, keine Weitergabe von Wissen, keine strategische Kontinuität.
Aus meinem Studium habe ich genau diese Denkweise mitgenommen: Wirklich starke Organisationen hängen nicht an Einzelpersonen. Sie basieren auf klaren, skalierbaren Systemen, die weiterlaufen – unabhängig davon, wer gerade an der Spitze steht.
Mein Ziel war und ist es, meinen Beitrag zu leisten, im US-Handball genau solche Strukturen aufzubauen. Systeme, die Schritt für Schritt wachsen, in die man neue Leute integrieren kann, ohne dass alles an einem „Genie“ hängt. Kein Heldentum, sondern solide Entwicklung.
Von M&A zur Mannschaftsentwicklung
Ein weiterer Kurs, der mich geprägt hat, war „Mergers & Acquisitions” – konkret zur Monsanto Acquisition durch Bayer. Besonders spannend fand ich nicht nur die wirtschaftliche Analyse, sondern die Frage: Wie funktioniert das Zusammenwachsen zweier Kulturen?
Denn, das ist im Handball meine Realität: Obwohl ich für USA-Team Handball arbeite, ist unsere Community zutiefst international.
Spielerinnen, Coaches und Verantwortliche leben und arbeiten auf mehreren Kontinenten. Unterschiedliche Spielphilosophien, Kommunikationsstile, Erwartungen treffen aufeinander.
Der Sport wird zum interkulturellen Spielfeld. Und genau da helfen mir die Methoden und Denkmodelle aus dem Corporate Development. Denn eine strategische „Passung“ bedeutet eben nicht nur, dass Prozesse zusammenpassen – sondern, dass Menschen sich verstehen, ein gemeinsames Ziel verfolgen und lernen, ihre Unterschiede als Stärke zu sehen.
OKRs auf dem Spielfeld
Etwas, das ich aktiv in den Sport übertragen habe, ist das Arbeiten mit OKRs (Objectives and Key Results). Was in der Unternehmenswelt als Standard gilt, ist im Sport selten zu finden. Ich glaube fest daran, dass auch sportliche Entwicklung planbar und messbar gemacht werden kann, nicht nur auf dem Feld, sondern auch in der strategischen Arbeit: Nachwuchsförderung, Sichtbarkeit, Sponsoring, Community-Aufbau.
Wir müssen ambitionierte Ziele definieren, diese herunterbrechen in messbare Ergebnisse und konkrete Initiativen. Nur so wird aus Vision echte Veränderung.
Endspiele und Endlosspiele
Was ich aus dem Studium aber vielleicht am tiefsten mitgenommen habe, ist ein Perspektivwechsel, den Simon Sinek mit seinem Konzept der finite und infinite games beschreibt.
Sport ist ein Endspiel: Es gibt klare Regeln, feste Gegner, einen definierten Zeitraum und am Ende steht ein Ergebnis. Business, Leben und Beziehungen hingegen sind endlose Spiele. Es gibt keinen festen Rahmen, keine finalen Gewinner, nur die ständige Weiterentwicklung.
Diese Erkenntnis hat mein Denken geprägt:
Ich will keine kurzfristigen Siege – ich will Bleibendes schaffen.
Ich will keine persönlichen Trophäen – ich will systemisches Wachstum.
Geld ist dabei nicht das Ziel, sondern der Treibstoff, um die Reise fortzusetzen.
Diese Denkweise verdanke ich meiner Zeit in Köln im Masterstudium. Nicht nur wegen der Inhalte, sondern weil ich durch das Studium Zugang zu Denkräumen, Theorien und Ressourcen gefunden habe, die meinen Blick auf Sport und Organisation grundlegend verändert haben.
WM 2025: Hoffnungen statt Headlines
Bei der bevorstehenden Frauen-Weltmeisterschaft 2025 bin ich nicht mehr als Coach der US-Frauen-Auswahl aktiv. Ich hoffe sehr, dass sich das Team qualifiziert und ein starkes Turnier spielt – sportlich wie auch in seiner Außendarstellung.
Denn obwohl ich aktuell nicht direkt an der Seitenlinie stehe, fühle ich mich weiter als Teil des großen Ganzen. Meine Vision bleibt: ein System mitzuentwickeln, das Handball in den USA nicht nur sichtbar macht, sondern tragfähig, relevant und zukunftsfähig.
Zur Person:
Der Deutschamerikaner Hendrik Schultze (*1996) schloss sein Studium (BWL/Marketing) an der WiSo-Fakultät 2022 ab und war in dieser Zeit selbst als Handball-Torwart und Torwart-Trainer aktiv. Darunter fielen Stationen bei der HSG Siebengebirge Jugend, als Torwart der US-Nationalmannschaft, beim Handballverband Mittelrhein e.V. und beim TSV Bayer Dormagen. Hauptberuflich ist er heute als Marketing-Spezialist bei Carbon Minds tätig – ehrenamtlich und voller Leidenschaft setzte er sich als Head Coach des Junior Women‘s National Teams und als Assistent Coach des Senior Women‘s National Teams der USA (bis März 2025) für die Stärkung des Handballs ein.