Alumni im Interview: Anissa Vogel
Anissa Vogel hat in Köln Geographie studiert. Nun promoviert die junge Wissenschaftlerin darüber, wie die Menschen im Delta des Ayeyarwady-Flusses in Myanmar mit Überschwemmungen umgehen. Sie findet dort Strategien, die auch für Deutschland Anstöße geben können.
- Das Gespräch führte Robert Hahn -
Frau Vogel, wie sind Sie zur Geographie gekommen?
Mich hat an der Geographie überzeugt, dass sie nicht versucht, die Welt in Teile zu zerlegen, sondern in Systemzusammenhängen zu verstehen. Sie konzentriert sich auf ein integratives Verständnis: die Frage danach, wie Raum, Gesellschaft und Umwelt zusammenwirken und was passiert, wenn sich eines dieser Elemente verändert. Für mich liegt die Stärke der Geographie darin, Muster und Prozesse zu erkennen, die erst dann sichtbar werden, wenn man unterschiedliche Perspektiven verbindet. Vielleicht gelten Geograph*innen deshalb als die letzten Universalist*innen der Wissenschaft. Genau diese Fähigkeit, grundsätzlich über Disziplingrenzen hinweg zu denken, macht das Fach heute so hochrelevant.
Wie hat sich Ihr Schwerpunkt auf Risiko- und Resilienzforschung in dynamischen Räumen wie in Deltas und urbanen Systemen entwickelt?
Prägend war für mich eine Exkursion ins Hochland des Shan-Staates in Myanmar mit Professorin Frauke Kraas, das wir als eine der ersten größeren internationalen Forschungsgruppen bereisten. Ich habe dort unmittelbar erlebt, wie sich gesellschaftlicher Wandel, komplexe ökologische Prozesse und politische Dynamiken räumlich verdichten und in die Landschaft einschreiben. Kurz darauf begann meine Mitarbeit in einem Forschungsprojekt zum Ayeyarwady-Delta, einem Raum, in dem Risiken als Ergebnis sich überlagernder Mensch-Umwelt-Prozesse entstehen und Unsicherheiten häufig die Ausgangsbedingungen sind. Mein interdisziplinärer Hintergrund mit Nebenfächern in Städtebau, Rechtswissenschaften und Geoinformatik hat diesen Zugang stark geprägt. Städte sind, ähnlich wie Deltas, Räume, in denen Risiken nicht nur auftreten, sondern produziert, verstärkt oder abgeschwächt werden.
Was macht die Risiken in Städten aus?
Städte sind Räume der Verdichtung und damit oft auch multipler Verwundbarkeit. Herausforderungen wie Klimawandel, Migration oder soziale Ungleichheit materialisieren sich zuerst in urbanen Räumen. Gleichzeitig sind Städte Laboratorien für neue Formen der Klimaanpassung, Governance und Teilhabe. Stadtentwicklung und Risikoforschung bedingen sich gegenseitig: Wer Städte zukunftsfähig gestalten will, muss Risiken mitdenken. Und wer Risiken verstehen will, muss wissen, wie Städte funktionieren.
Wie gehen Sie bei Ihrer Forschung zu Katastrophen und Resilienz vor?
In meiner Dissertation untersuche ich das Ayeyarwady-Delta als komplexes sozial-ökologisches System. Es umfasst die Megastadt Yangon, aber auch weite landwirtschaftliche Gebiete. Wir analysieren insbesondere die unterschiedlichen Überschwemmungsdynamiken – durch Starkregen, Flusswasser und den Meeresspiegel. Gleichzeitig spielen landnutzungsbedingte Faktoren eine wichtige Rolle: Landwirtschaftliche Bewässerung und Aquakulturen als wichtige Erwerbszweige bewirken eine Entnahme von Grundwasser, was zur Landabsenkungen führt und das Risiko von Überschwemmungen in diesem sehr flachen Deltagebiet erhöht. In städtischen Räumen wie Yangon kommen die bauliche Auflast und hohe urbane Grundwasserentnahme hinzu.
Neben den hydrologischen und geomorphologischen Prozessen untersuchen wir die kolonialzeitlichen Umgestaltungen des Deltasystems, wie die großflächige Abholzung der Mangrovenwälder an den Küsten zur Ausweitung von Reisanbau und Siedlungsflächen durch die Briten. Dadurch ist nicht nur ein natürlicher Schutzschild weggefallen, sondern es entstanden langfristige Risikopfade, die die Verwundbarkeit des Deltas bis heute prägen.
Dazu kommen aktuelle Fragen der Raumnutzung: Wie wird die Besiedlung niedrig gelegener Gebiete gesteuert, und über welche Ressourcen verfügen Haushalte im Umgang mit Risiken? Erst diese integrierte Analyse macht sichtbar, wie konkrete Risiken entstehen und wie man ihnen begegnen kann.
Welche Schlüsse können Sie aus Ihrer Arbeit zur Resilienz im Ayeyarwady-Delta für die Stadtentwicklung in Deutschland ziehen?
In südostasiatischen Megastädten gelten ganz andere Dimensionen als in Deutschland. Die Dynamiken dort haben eine Wucht, die wir hier so nicht kennen: eine hohe Bevölkerungsdichte und -dynamik, wenig Steuerung, enorme soziale Fragmentierung und Ungleichheit. Gleichzeitig gehören extreme Belastungen stärker zum urbanen Alltag. Der Monsun dauert oft Wochen und Monate und die urbanen Systeme müssen damit umgehen. Dadurch haben sich unterschiedliche Strategien entwickelt. Interessant ist das Spannungsfeld aus technischer Hochvernetzung einerseits und »low complexity«-Strukturen andererseits, die auch bei Ausfall digitaler Systeme robust funktionieren. Die Ahrtalkatastrophe hat deutlich gemacht, wie wichtig redundante Warnsysteme, dezentrale Kommunikation, lokale Handlungsfähigkeit und Routinen im Krisenfall sind.
Noch wichtiger ist der gesellschaftliche Aspekt. In Städten Südostasiens spielt die Zivilgesellschaft eine zentrale Rolle, weil wiederkehrende Belastungen andere Formen der Organisation hervorgebracht haben. Dort wird vieles von dem, was wir als gesamtgesellschaftliche Aufgabe formulieren, bereits alltäglich praktiziert: Religiöse Gemeinschaften oder Nachbarschaften übernehmen Transport-, Versorgungs- oder Kommunikationsaufgaben. Dieses alltagsnahe Gefährdungsbewusstsein und der starke gesellschaftliche Zusammenhalt sind auch für Deutschland relevant.
Wenn Sie einen Blick auf Köln werfen, wo sehen Sie da Gefährdungen?
Köln steht vor denselben Herausforderungen wie viele große Städte in Deutschland oder Europa. Gefährdungen zeigen sich dabei häufig dort, wo bestehende Systeme – Mobilität, Klimaanpassung, soziale Teilhabe – an Belastungsgrenzen stoßen, etwa angesichts zunehmender Hitzeperioden oder möglicher Starkregenereignisse. Köln verfügt zwar über starke städtische Institutionen wie Feuerwehr oder Stadtentwässerungsbetriebe, doch Resilienz entsteht letztlich im Zusammenspiel aller Akteure.
In Köln ist der Verkehr eines der sichtbarsten Themen, stellvertretend für breitere Herausforderungen der Veedels- und Infrastrukturentwicklung. Deshalb sollten wir etwa grundsätzlich über verschiedene Verkehrsmodelle oder dezentrale Funktionen in der Stadt nachdenken. Verschiedene Planwerke wie der Masterplan adressieren das bereits, dennoch wäre es wichtig, Konzepte wie eine »Stadt der kurzen Wege« oder eine »15 Minuten-Stadt« noch konsequenter mit der Zivilgesellschaft und der Privatwirtschaft gemeinsam umzusetzen, sodass Funktionen wieder stärker in die Quartiere zurückkehren können.
Köln hat dafür mit seinen Veedeln eigentlich sehr gute Voraussetzungen. Man hat manchmal das Gefühl, dass in Köln eine große Gelassenheit herrscht mit seinem »Et kütt wie et kütt«. Dabei wäre es wichtig, entschlossen zu gestalten und Stadtentwicklung weniger reaktiv als eine vorausschauende Aufgabe zu begreifen, um bestehende und zukünftige Risiken gemeinsam besser abzufedern und die städtische Resilienz zu stärken.
Was würden Sie Studierenden für ihr Studium ans Herz legen?
Ich würde Mut zu breiter Interdisziplinarität empfehlen. Das ist manchmal anstrengend, weil man komplexe Methoden und Perspektiven verbinden muss, aber genau darin liegt eine Schlüsselkompetenz: die Fähigkeit, Wissen zusammenzuführen und an den Schnittstellen zu arbeiten, an denen die relevanten Fragen entstehen.
Und wenn man wie Sie eine wissenschaftliche Karriere anstrebt?
Man muss intrinsisch neugierig sein, unbequeme Fragen stellen wollen, Logik und Kreativität verbinden und bereit sein, Umwege zu gehen. Gerade heute braucht es Forschende, die trotz Erwartungsdrucks unabhängig denken und Differenzierung verteidigen.
Zur Person
Nach einem Bachelorstudium der Geographie in Bonn und der Rechtswissenschaften in Köln von 2013 bis 2017 machte Anissa Vogel 2020 ihren Masterabschluss in Geographie in Köln. Seit 2020 ist sie Wissenschaftliche Assistentin bei Professorin Frauke Kraas und promoviert im DFG-Projekt »Driving factors for and societal effects of sea-level rise and delta flooding in the Ayeyarwady Delta (Myanmar) – Lessons from the past for disaster governance in the future«
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