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Köln-Alumnus Marco Zingler im Interview des Universitätsmagazins

"Scheitern gehört dazu."

Foto: Jan Voelkel


Der Köln-Alumnus Marco Zingler leitet mit denkwerk eine der kreativsten und renommiertesten deutschen Digitalagenturen. Im Interview erklärt er, was erfolgreiche Unternehmerinnen und Unternehmer ausmacht.
 

 

Herr Zingler, Sie sind Geisteswissenschaftler. Wie kam es dazu, dass Sie Geschäftsführer einer der führenden Digitalagenturen Deutschlands wurden?

 

Ich war immer neugierig und mich hat alles Mögliche interessiert. Ich habe in Köln Geschichte, Philosophie, Politikwissenschaft und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft studiert. Eigentlich hatte ich eine Karriere in der Wissenschaft angepeilt und wollte Professor für Neuere Geschichte werden. Aber dann kam es doch ganz anders, als ein paar Bekannte eine Internet- Agentur gründeten und fragten, ob ich ihnen nicht dabei helfen könne. Da habe ich gesagt: „Okay, ich mache das mal für sechs Wochen.“  Ich hatte überhaupt nicht die Absicht, die Wissenschaft aufzugeben. Als die sechs Wochen vorbei waren, habe ich gemerkt, dass mir die Arbeit total Spaß gemacht hat, weil ich hier meine unterschiedlichen Talente einbringen konnte. Das ist jetzt ziemlich genau 20 Jahre her.

 

Aber um ein Unternehmen zu gründen und zu führen, braucht man doch einige Skills, die im Geschichtsstudium nicht unbedingt vermittelt werden?

 

Zu meiner Zeit waren Start-Ups in deutschen Unis überhaupt kein Thema – in keiner Fakultät. Ich bin überzeugt, dass es im Wesentlichen eine Persönlichkeitsfrage ist, ob jemand ein fähiger Unternehmer wird oder nicht – gerade in kreativen und innovativen Branchen. Ich bringe in meine Arbeit ja ganz entscheidend mich selbst, meine eigene Persönlichkeit ein. Viel wichtiger als das Studienfach ist es, eigene Ideen zu haben, kreativ und innovativ zu denken und den Mut und die Bereitschaft mitzubringen, die Ideen auch zu realisieren. Selbstdisziplin, Leidenschaft und Durchsetzungskraft – das macht Unternehmer aus. Als es seinerzeit mit der Agenturarbeit losging, hatten meine Freunde und ich ehrlich gesagt noch wenig Erfahrung mit Finanzen und Kostenkalkulationen – erstaunlicherweise auch nicht die Betriebswirte. Da habe ich mir gesagt: Okay, dann müssen wir das eben jetzt lernen. Ich schaue mal, wie das funktioniert. Und, ehrlich gesagt, es war keine Raketenwissenschaft. 

 

Was konnten Sie aus Ihrem Studium in die Unternehmenswelt mitnehmen? 

 

Als Historiker lernt man, analytisch zu denken. Man schaut sich eine Situation an und analysiert, wieso es dazu gekommen ist, welche Faktoren dabei eine Rolle spielten und welches Zusammenspiel von Ereignissen zu einer bestimmten Situation geführt hat. Dieses Denken habe ich auf jeden Fall in meinen jetzigen Beruf übernommen. Es fällt mir leicht, Herausforderungen und Problemstellungen zu verstehen, die mir in Kundenprojekten begegnen. Sie forschen im Haus. Wie wichtig ist es, in einem Unternehmen auch kreative Freiräume zuzulassen? Wir haben ein Virtual-Reality-Labor und eine Werkstatt, in der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Prototypen anfertigen oder an Ideen für neue digitale Produkte basteln. Wir haben zum Beispiel den "Skarv" entwickelt, einen interaktiven Schal, mit dem sich Botschaften auf die Haut übermitteln lassen. Mittels kleinster eingearbeiteter Vibrationsmotoren kann der Schalträger die Botschaften am Körper spüren. Das ist sozusagen ein "Social Wearable". Wenn wir so etwas entwickeln, wissen wir vorher nicht unbedingt, ob das Produkt auch in die große Produktion geht. Aber es ist uns wichtig, Ideen selbst umzusetzen und auszuprobieren. Nur so entstehen Innovationen.

 

Mit dem „Summer of Thinx“ bieten Sie ein Sommerstipendium für Studierende an. Was hat es mit diesem Programm auf sich? 

 

Der „Summer of Thinx“ ist ein bezahltes Praktikum, das sich an Studierende und junge Kreative aus der ganzen Welt richtet. Drei Personen können gemeinsam mit einem denkwerk-Team in einem Sommer-Workshop ein Projekt von der ersten Idee bis zum fertigen Prototyp entwickeln. Dafür steht auch ein Labor mit 3D-Druckern, allerhand Werkzeugen und Materialien zur Verfügung. In den letzten Jahren sind spannende Dinge wie zum Beispiel der Skarv oder ein Telefon, das die Emotionen der Gesprächspartner abbildet, dabei herausgekommen. Nun ist das Unternehmertum nicht immer Eitel Sonnenschein.

 

Sie haben auf der Kölner FuckUp-Night erzählt, wie man mit Rückschlägen umgehen muss.

 

Oh ja, bei der Veranstaltung habe ich bewusst von unseren frühen Anfängen Ende der 1990er Jahre erzählt. Wir hatten damals neben der Agentur die Idee eines sozialen Netzwerks namens „oneview“, entwickelt zu einer Zeit, als von Facebook oder Instagram noch gar keine Rede war. Die Idee war klasse, wir haben einige internationale Auszeichnungen gewonnen, und Investoren, die uns dafür viel Geld zur Verfügung stellten, waren schnell gefunden. Allerdings fühlten wir uns am Anfang unserer Karriere von der technischen Realisierung des Produkts überfordert und haben das an eine externe, mittelständische IT-Firma weitergegeben. Wir wollten „oneview“ dann bei der CeBit vorstellen und hatten sogar schon mehrere Stände gebucht. Kurz vor der Messe stellte sich heraus, dass die externe Firma nicht ansatzweise fertig war. Wir hatten also nichts, wirklich gar nichts, was wir auf der CeBit zeigen konnten. Wir standen dann auf dieser riesigen internationalen Messe herum und mussten den Leuten erzählen, dass wir Ihnen leider überhaupt nichts zeigen können. Das war ein großer Verlust von Geld und Ansehen bei unseren Partnern. Unser Frust war entsprechend groß.

 

Kann solch ein gescheitertes Projekt denn für einen Unternehmer lehrreich sein?

Fast jeder Gründer kommt mal an so einen Punkt, an dem ein Projekt völlig schiefgeht. Das gehört absolut dazu. Das Wichtige ist, dass man sich davon nicht unterkriegen lässt. Das zahlt sich am Ende fast immer aus. Genau das würde ich auch jungen Unternehmerinnen und Unternehmern oder Leuten, die überlegen zu gründen, mit auf den Weg geben: Seid mutig und bleibt auch bei Rückschlägen fokussiert und leidenschaftlich für eurer „Baby“. In diesen Situationen trennt sich die Spreu vom Weizen.

Das Interview führte Jan Voelkel.


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